ÜBER MICH

Warum ich selten dort anfange, wo es weh tut.

Ich bin seit über zehn Jahren Physiotherapeut und führe meine eigene Praxis in Mönchengladbach. Was mich an dieser Arbeit fasziniert, ist nicht eine einzelne Technik, sondern die Frage dahinter: Warum reagiert ein Körper auf eine bestimmte Weise? Diese Frage entstand nicht in einer Fortbildung, sondern in den Fällen, in denen ich nicht weiterkam.

Sebastian Jurochnik in seiner Praxis in Mönchengladbach

WAS MICH ANTREIBT

Der Schmerzort ist eine Information, nicht die Antwort.

Immer wieder kam ich therapeutisch an einen Punkt, an dem der Verlauf stagnierte. Die Behandlung war fachlich sauber, der Befund klar, und trotzdem änderte sich auf Dauer nichts. Solche Verläufe haben meine Arbeitsweise stärker geprägt als alle Erfolge zusammen.

Daraus ist die Überzeugung geworden, dass sich Beschwerden selten isoliert erklären lassen. Bewegung wirkt auf das Nervensystem. Nach Verletzungen entstehen oft neue Bewegungsstrategien. Belastung und Erholung beeinflussen einander. Wer nur dort arbeitet, wo es weh tut, arbeitet manchmal an der falschen Stelle. Zwei Fälle haben mir das besonders deutlich gezeigt.

WO ICH ZU LANGE AM BEFUND BLIEB

Ein Becken, das sich nicht korrigieren ließ.

Eine junge Patientin kam ursprünglich wegen ihrer Knie. Die Beschwerden waren bei Therapiebeginn schon weg, also arbeiteten wir an dem, was blieb: Rücken und Kopfschmerzen.

Sie sagte mir immer wieder, sie liege auf meiner Bank nicht gleichmäßig auf – eine Beckenseite bekomme keinen Kontakt zur Bank. Ich korrigierte das Becken. Beim nächsten Termin derselbe Befund. Ich korrigierte erneut, mit demselben Ergebnis. Über mehrere Sitzungen hinweg änderte sich nichts, und ich hatte keine Erklärung dafür.

Irgendwann erinnerte ich mich an eine Angabe aus der Anamnese: Bei einem Verkehrsunfall war ihr Jochbein gebrochen. Ich mobilisierte das Jochbein vorsichtig in verschiedene Richtungen. In einer bestimmten Richtung veränderte sich der Befund am Becken unmittelbar, und die Patientin sagte von selbst, dass sie jetzt gerade liege.

Was ich daraus nicht ableite: dass die alte Fraktur die Ursache war. Was ich daraus ableite: dass ich zu lange dort gearbeitet habe, wo der Befund war, statt zu fragen, warum er immer wiederkommt. Seitdem ist genau das mein erster Gedanke, wenn sich etwas nicht verändern lässt.

Sebastian Jurochnik in einem stillen Moment im Trainingsraum

WO ICH NICHT WEITERKAM

Anderthalb Jahre, und dann war Schluss.

Ein Patient kam über anderthalb Jahre zu mir. Wir haben intensiv behandelt und trainiert, und es ging voran – bis es das nicht mehr tat. Ab einem bestimmten Punkt änderte sich nichts mehr. Ich habe alles eingesetzt, was ich zu diesem Zeitpunkt konnte, und es reichte nicht.

Dann machte er eine Pause – auf unbestimmte Zeit. Ich hatte ihm zu dem Zeitpunkt keinen sinnvollen nächsten Schritt anzubieten, und das war der eigentlich unangenehme Teil daran.

Heute wäre das anders. Heute würde ich ihn an jemanden mit einem anderen Zugang weiterverweisen, und ich habe seitdem selbst weitergelernt – unter anderem in den Bereichen, die mir damals gefehlt haben. Der größte Teil meiner Fortbildungen der letzten Jahre geht auf solche Momente zurück, nicht auf einen Fortbildungsplan.

EIGENE PRAXIS

Warum ich nicht angestellt geblieben bin.

Dass ich mich selbstständig machen würde, wusste ich schon in meiner ersten Anstellung nach der Ausbildung. Ich hatte zu oft eigene Ideen, die sich mit einem festgefahrenen Praxisalltag nicht vereinbaren ließen.

Gesprungen bin ich trotzdem nicht. Ich habe 2017 ein Gewerbe angemeldet und die Selbstständigkeit über Jahre nebenher aufgebaut, während ich in der Anstellung Schritt für Schritt meine Stunden reduzierte. Erst als die Zahlen stabil genug waren und sich die Praxis selbst finanzierte, habe ich den letzten Schritt gemacht.

Das war die richtige Entscheidung, und sie sagt vermutlich mehr über meine Arbeitsweise aus als jede Methodenliste: Ich verändere etwas erst, wenn ich überprüft habe, dass es trägt.