Sebastian JurochnikPhysiotherapie · Personal Training
Ein Mann mit freiem Oberkörper von hinten, er hält sich eine Hand an den Nacken, die schmerzende Stelle ist rot markiert
Behandlung · Nackenschmerzen

Einrenken bei Nackenschmerzen? Was manuelle Therapie wirklich bringt

Ein Mann mit freiem Oberkörper von hinten, er hält sich eine Hand an den Nacken, die schmerzende Stelle ist rot markiert

Hier liest Du, was eine Auswertung von 101 Studien zu Handgriffen bei Nackenschmerzen zeigt und wo sie aufhört. Danach kommen die neue deutsche Leitlinie und das, was Du selbst tun kannst.

Manuelle Therapie ist der Oberbegriff für Behandlungen mit den Händen. Bei einer Manipulation wird ein Gelenk mit einem schnellen, kurzen Impuls bewegt, oft mit einem Knacken. Im Alltag heißt das Einrenken. Eine Mobilisation bewegt das Gelenk langsam und wiederholt, ohne Impuls. Weichteiltechniken arbeiten mit Druck und Dehnung an Muskeln und Bindegewebe.

Fast jeder Zweite hat einmal im Jahr Nackenschmerzen

In einer telefonischen Befragung von 5.009 Erwachsenen in Deutschland gaben 45,7 % an, im vergangenen Jahr Nackenschmerzen gehabt zu haben. Frauen waren häufiger betroffen als Männer.1

Meist klingen Nackenschmerzen innerhalb von ein bis zwei Wochen ab, auch ohne Behandlung. Halten sie länger als drei Monate an, spricht man von chronischen Nackenschmerzen. Oft sind dann Belastungen und Stress im Spiel.2 Eine eindeutige Ursache findet sich häufig nicht. Hinter weniger als 1 % der Fälle steckt eine ernste Erkrankung, etwa ein Tumor, eine Infektion oder eine Verletzung von Blutgefäßen.3

Was die Auswertung von 101 Studien untersucht hat

Ein Team um Gong hat 101 Zufallsstudien mit zusammen 7.633 Erwachsenen ausgewertet, erschienen zwischen 2013 und Mai 2025. Es ist eine Netzwerk-Metaanalyse. Sie vergleicht über gemeinsame Vergleichsgruppen auch Behandlungen, die nie direkt gegeneinander getestet wurden.4

Gemessen wurden der Schmerz auf einer Skala von 0 bis 100, die Einschränkung im Alltag und die Beweglichkeit beim Vor- und Zurückneigen des Kopfes. Als keine Behandlung galten Wartelisten, aber auch Scheinbehandlungen. Eine weitere Vergleichsgruppe bekam keine Handgriffe, dafür Aufklärung oder Übungen für zu Hause. Mit Kombination meinen die Autoren zwei oder mehr Handgriffe in einer Behandlung. Auch Akupressur zählte zu den Handgriffen.

Handgriffe und eigenes Üben lagen gleichauf

Mehrere Handgriffe kombiniert, manuelle Therapie und Weichteiltechniken senkten den Schmerz deutlich stärker als keine Behandlung, im Schnitt um 29 bis 37 von 100 Punkten. Die Autoren werten eine Verbesserung ab 20 Punkten als spürbar. Die Mobilisation lag mit 20 Punkten genau an dieser Grenze.

Die Gruppe mit Aufklärung und Übungen für zu Hause kam auf 36,6 Punkte, die Kombination aus Handgriffen auf 36,7. Im direkten Vergleich der beiden lag der Unterschied bei 0,03 Punkten. Die Autoren schreiben selbst, dass die Effekte vergleichbar sind.4

Aufklärung und Übungen wirkten so stark wie Handgriffe Jede Zeile zeigt, um wie viele Punkte von 100 der Schmerz stärker sank als ohne Behandlung. Der Punkt ist der Mittelwert, der Balken zeigt, wo der wahre Wert wahrscheinlich liegt. Die gestrichelte Linie markiert 20 Punkte, ab hier gilt die Besserung als spürbar.
Mehrere Handgriffe kombiniert 36,7 Mehrere Handgriffe kombiniert: 36,7 Punkte (Bereich 12,3 bis 61,0) Aufklärung und Übungen für zu Hause 36,6 Aufklärung und Übungen für zu Hause: 36,6 Punkte (Bereich 10,6 bis 62,7) Manuelle Therapie 35,9 Manuelle Therapie: 35,9 Punkte (Bereich 11,8 bis 59,9) Weichteiltechniken 28,7 Weichteiltechniken: 28,7 Punkte (Bereich 4,8 bis 51,7) Mobilisation 20,2 Mobilisation: 20,2 Punkte (Bereich 0,1 bis 39,9) 0 20 40 60 80 ab 20 spürbar Quelle: Gong et al. 2025, 101 Zufallsstudien mit 7.633 Erwachsenen. Die Manipulation fehlt, weil sie beim Schmerz keinen gesicherten Unterschied zeigte.

Bei der Einschränkung im Alltag lag die Kombination aus Handgriffen vorn. Der Abstand zu Aufklärung und Übungen war mit gut vier Punkten klein.

Für die Manipulation allein, also das Einrenken, fand die Auswertung beim Schmerz keinen gesicherten Unterschied zu keiner Behandlung. Bei der Beweglichkeit nennt die Zusammenfassung der Arbeit sie als beste Methode. Im Diskussionsteil derselben Arbeit steht an dieser Stelle die Mobilisation.4

Warum die Zahlen wackeln

62 der 101 Studien hatten ein hohes Risiko für verzerrte Ergebnisse, nur 21 ein niedriges. Die Autoren stufen die Sicherheit der Ergebnisse als moderat bis sehr niedrig ein. Sehr niedrig heißt: Der wahre Effekt kann deutlich anders ausfallen als der gemessene.

Die Bereiche in der Grafik sind breit. Bei der Kombination aus Handgriffen liegt der wahre Wert wahrscheinlich irgendwo zwischen 12 und 61 Punkten, bei Aufklärung und Übungen zwischen 11 und 63.

In 79 der Studien dauerte die Behandlung höchstens vier Wochen. Wie es nach Monaten aussieht, konnten die Autoren mangels Nachbeobachtung nicht prüfen. Ob die Schmerzen frisch oder schon chronisch waren, ließ sich ebenfalls nicht trennen, weil die Studien es nicht angaben.

Nebenwirkungen haben nur 5 der 101 Studien erfasst. Dort traten leichte, vorübergehende Beschwerden auf, etwa Müdigkeit, Muskelverspannung und stärkere Schmerzen.4 Seltene, schwere Komplikationen lassen sich mit so wenigen Daten nicht beurteilen.

Als Zusatz zu Übungen bringen Handgriffe etwas

Eine Übersichtsarbeit von Wilhelm und Kollegen hat diese Frage direkt untersucht. In 16 Studien senkten Handgriffe plus Übungen den Schmerz stärker als Übungen allein, bei niedriger Sicherheit. Gegenüber Handgriffen allein brachten zusätzliche Übungen beim Schmerz keinen messbaren Vorteil, das stützt sich aber nur auf drei Studien. Bei der Lebensqualität machten die Handgriffe keinen Unterschied, hier ist die Sicherheit hoch.5

Ich lese das so: Handgriffe können den Schmerz kurzfristig senken, und zusammen mit Übungen bringen sie wahrscheinlich etwas mehr als Übungen allein. Allein sind sie nicht nachweislich besser als Aufklärung und eigenes Üben. Wenn Beschwerden im Vordergrund stehen, behandle ich deshalb zuerst, damit Dein Körper eine Basis für Belastung hat. Danach kommt das Training.

Was die deutsche Leitlinie empfiehlt

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) hat 2025 eine neue S3-Leitlinie zu nicht-spezifischen Nackenschmerzen veröffentlicht. S3 ist die höchste Stufe, die Empfehlungen beruhen auf einer systematischen Auswertung der Studien. Nicht-spezifisch heißt, dass nichts auf eine ernste Ursache hinweist.6

Leitlinien-Ampel: Was bei Nackenschmerzen empfohlen wird Jede Zeile zeigt, wie die DEGAM-Leitlinie eine Maßnahme bei nicht-spezifischen Nackenschmerzen bewertet. Grün steht für eine Empfehlung, Gelb für eine offene Empfehlung, Rot für eine Empfehlung dagegen.
Körperliche AktivitätGrün: starke Empfehlung

Bei frischen genauso wie bei chronischen Nackenschmerzen. Ruhigstellen soll nicht empfohlen werden.

BewegungstherapieGrün: starke Empfehlung bei chronischen Schmerzen

Auch mit Apps. Eine bestimmte Übungsform nennt die Leitlinie nicht, weil die Studien zu unterschiedlich waren.

Wärme in Eigenanwendung, AufklärungGrün: Empfehlung

Hilft Wärme nicht, kannst Du Kälte versuchen.

Manipulation, MobilisationGelb: offen

Nur zusammen mit aktivierenden Maßnahmen.

Massage und andere WeichteilbehandlungenGelb: offen bei chronischen Schmerzen

Nur zusammen mit aktivierenden Maßnahmen. Bei frischen Nackenschmerzen sollen Massagen nicht angewendet werden.

Traktion, Laser, Elektrotherapie, Ultraschall, KinesiotapeRot: soll nicht angewendet werden

Die Leitlinie nennt fehlende Belege und das Risiko, dass Betroffene passiv werden.

Quelle: DEGAM-S3-Leitlinie Nicht-spezifische Nackenschmerzen 2025, Kurzfassung und Fortbildungsbeitrag

Handgriffe sind in der Leitlinie also eine Ergänzung zu Bewegung. Von Röntgen und anderer Bildgebung rät sie ab, solange nichts auf eine ernste Ursache hinweist.3

Wenn der Schmerz in den Arm ausstrahlt

Ein Schmerz, der vom Nacken in den Arm zieht, kann von einer gereizten Nervenwurzel kommen. Die Leitlinie zählt solche Nervenreizungen zu den Ursachen, die ärztlich abgeklärt werden sollen, vor allem bei Kraftverlust oder Gefühlsstörungen wie Kribbeln und Taubheit.6

Für die Physiotherapie danach gibt es eine neue Übersichtsarbeit von Gillot und Kollegen mit 20 Studien und 953 Betroffenen. Sie hat zwei Techniken untersucht. Beim sogenannten Lateral Glide schiebt die Therapeutin oder der Therapeut die Halswirbelsäule sanft zur Seite. Beim Nervengleiten werden Arm und Kopf so bewegt, dass der Mittelarmnerv, der Nervus medianus, in seiner Umgebung hin- und hergleitet.

Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 sank der Schmerz mit dem Lateral Glide um etwa 2,5 Punkte stärker als ohne Behandlung und um etwa 1,3 Punkte stärker als mit anderen Physiotherapie-Techniken. Mit dem Nervengleiten waren es etwa 3,1 Punkte gegenüber keiner Behandlung. Jeder dieser Vergleiche stützt sich auf zwei bis vier Studien, die Sicherheit ist niedrig bis sehr niedrig.7

Die Autoren sehen beide Techniken als Teil einer Behandlung aus mehreren Bausteinen. Sie vermuten, dass vor allem Menschen profitieren, deren Nerven deutlich empfindlicher auf Dehnung und Druck reagieren. Geprüft haben sie das nicht.

Was Du selbst tun kannst

Bleib in Bewegung. Das ist die stärkste Empfehlung der Leitlinie,6 und ihre Patienteninformation nennt Bewegung die wirksamste Maßnahme gegen den Schmerz. Schonung und Ruhigstellung, etwa mit einer Halskrause, sind ungünstig. Wärme, zum Beispiel ein Wärmekissen, lindert oft. Schmerzmittel können kurzfristig sinnvoll sein, damit Du Dich normal bewegen kannst.2 Welches für Dich passt, klärst Du mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt oder in der Apotheke.

Welche Übungen Du machst, legt die Leitlinie nicht fest. Wähl, was Dir liegt und was Du regelmäßig schaffst. Bei chronischen Nackenschmerzen reicht dafür auch eine App: In sechs Studien mit 381 Teilnehmenden wirkten Übungen mit App-Begleitung etwa so gut wie klassische Übungsprogramme und besser als Übungen ganz ohne Begleitung.8

Eine bessere Haltung heißt nicht automatisch weniger Schmerz. In einer Übersichtsarbeit verbesserten Atemübungen bei Menschen mit nach vorn geschobenem Kopf den Winkel zwischen Kopf und Hals, der Schmerz ging aber kaum zurück. Die Sicherheit dieser Ergebnisse ist sehr niedrig.9

Meine Faustregel beim Üben: Der Nacken sollte am nächsten Morgen nicht schlechter sein als vor dem Training.

Wann Du ärztlich abklären lässt

Bevor Du mit Übungen oder Behandlung anfängst, achte auf diese Zeichen:

Warnzeichen Links stehen Zeichen für einen Notfall, rechts Zeichen, die bald ärztlich abgeklärt gehören. Ein Warnzeichen macht eine ernste Ursache wahrscheinlicher. Ob eine dahintersteckt, klärt die Ärztin oder der Arzt.

Sofort, notfalls Notaufnahme

  • Nackenschmerzen nach einem Unfall oder Sturz
  • Lähmungen
  • plötzliche Probleme beim Gehen, Benommenheit oder Bewusstseinsstörungen

Zeitnah ärztlich abklären lassen

  • Schmerz, der in den Arm ausstrahlt, mit Kraftverlust, Kribbeln oder Taubheit
  • Fieber oder andere Zeichen einer Infektion
  • Nackenschmerzen nach einem ärztlichen Eingriff an der Halswirbelsäule
  • Schmerzen, die stark zunehmen oder trotz Behandlung länger als vier bis sechs Wochen anhalten
Grundlage: DEGAM-S3-Leitlinie Nicht-spezifische Nackenschmerzen 2025, Kurzfassung und Fortbildungsbeitrag

Dein Termin in meiner Praxis in Waldhausen

Hast Du Nackenschmerzen, behandle ich Dich mit ärztlicher Verordnung. Ein Privatrezept reicht.

Im ersten Termin teste ich vor und nach der Behandlung, damit Du siehst, was sich verändert. Wenn Beschwerden im Vordergrund stehen, behandle ich zuerst, danach kommt das Training. Suchst Du eine Behandlung, bei der Du Dich hinlegst und zwischen den Terminen nichts tust, bist Du bei mir falsch.

Ersttermin buchen

Rudolfstraße 10C, 41068 Mönchengladbach-Waldhausen. Termine nur nach Vereinbarung, bitte komm nicht unangekündigt vorbei.

Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Er ist rein informativ und keine Heilkunde.

Quellen

  1. von der Lippe et al. (2021), Journal of Health Monitoring 6(S3). doi:10.25646/7854
  2. DEGAM (2025), Patienteninformation Nackenschmerzen. degam.de
  3. Kötter et al. (2025), Zeitschrift für Allgemeinmedizin 101:439-446. doi:10.1007/s44266-025-00461-3
  4. Gong et al. (2025), BMJ Open 15:e098682. doi:10.1136/bmjopen-2024-098682
  5. Wilhelm et al. (2023), Journal of Manual & Manipulative Therapy 31:393-407. doi:10.1080/10669817.2023.2202895
  6. DEGAM (2025), S3-Leitlinie Nicht-spezifische Nackenschmerzen, Kurzfassung, AWMF-Register-Nr. 053-007. degam.de
  7. Gillot et al. (2025), Clinical Rehabilitation 39:1405-1424. doi:10.1177/02692155251370881
  8. He et al. (2025), Journal of Pain Research 18:4639-4649. doi:10.2147/JPR.S526845
  9. Park et al. (2025), Bioengineering 12:947. doi:10.3390/bioengineering12090947

Veröffentlicht

in

,

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert