Sebastian Jurochnik mit Startnummer vor der Bergiselschanze beim Red Bull 400 in Innsbruck

Warum ich beim härtesten 400-Meter-Rennen der Welt aufgegeben habe

Erfahrungsbericht · Training · Grenzerfahrung

Warum ich beim härtesten 400-Meter-Rennen der Welt aufgegeben habe

Red Bull 400 · Innsbruck

Das Ziel lag wenige Meter über mir.

Vierzig Jahre alt. Achtzehn Jahre kein Wettkampf. Sieben Monate Vorbereitung. Und kurz unterhalb des Schanzentisches Schluss.

Sebastian Jurochnik mit Startnummer 344 vor der Bergiselschanze beim Red Bull 400 in Innsbruck
400 Meter, 130 Höhenmeter, bis zu 75 Prozent Steigung.

Das ist kein Bericht über einen Sieg. Es ist ein Bericht über eine Grenze – und darüber, was ich als Therapeut daraus gelernt habe.

Ich lag auf dem Rücken. Über mir der Himmel über Innsbruck, unter mir der Aufsprunghang der Bergiselschanze, und in meiner Brust ein Brennen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gespürt hatte. Es dauerte fast dreißig Minuten, bis ich mich aufsetzen konnte. Noch länger, bis ich stand. Das Ziel lag wenige Meter über mir, und ich bin nicht hingekommen.

400 mStrecke
130 hmHöhenunterschied
75 %Maximale Steigung
7 MonateVorbereitung

Ein Video, achtzehn Jahre Pause und eine Idee, die nicht weggeht

Ich habe das Red Bull 400 vor vielen Jahren zum ersten Mal in einem Video gesehen. Vierhundert Meter, rund einhundertdreißig Höhenmeter, bis zu fünfundsiebzig Prozent Steigung, hinauf über den Hang, den Skispringer normalerweise nach unten fliegen. Der Gedanke ist geblieben. So etwas will man entweder sofort vergessen oder irgendwann machen.

Ich war vierzig, als ich mich angemeldet habe. Mein letzter richtiger Wettkampf lag über achtzehn Jahre zurück, damals noch auf dem Fußballplatz. Ich arbeite jeden Tag mit Menschen, die sich Belastung aussetzen, die an ihre Grenzen gehen und danach zu mir kommen. Ich fand, es wird Zeit, dass ich mich selbst wieder in diese Position begebe. Nicht theoretisch. Real, mit Startnummer und Zeitmessung.

Am 11. Oktober 2025 stand ich am Fuß der Bergiselschanze, gemeinsam mit rund zweitausend Startern aus siebenunddreißig Nationen.

Sieben Monate Vorbereitung

Ich bin das nicht naiv angegangen. Sieben Monate lang habe ich strukturiert darauf hin trainiert.

Regelmäßig bin ich nach Willingen gefahren, wo ebenfalls eine Skisprungschanze steht. Nicht auf der Schanze selbst, sondern auf den Treppen links und rechts daneben – hoch, runter, wieder hoch. Es ist die einzige Art von Belastung, die dem Original halbwegs nahekommt: kurz, brutal steil, ohne Möglichkeit, sich irgendwo zu erholen.

Treppentraining neben der Skisprungschanze in Willingen zur Vorbereitung auf das Red Bull 400
Treppentraining in Willingen: hoch, runter, wieder hoch.
Herzfrequenzverlauf beim Maximaltraining zur Vorbereitung auf das Red Bull 400
Gezielte Belastungsspitzen nahe der maximalen Herzfrequenz.

In der Praxis habe ich auf dem Echobike gearbeitet, gezielt im Bereich meiner maximalen Herzfrequenz, damit sich mein Herz an genau diese Belastungsspitzen anpassen kann. Dazu kam die lokale Ausdauerfähigkeit der Oberschenkel: Ausfallschritte auf sehr hohe Wiederholungszahlen. In der Spitze waren es einhundertzweiundachtzig am Stück.

Begleitet haben mich in dieser Zeit außerdem die Ärzte Björn Luxa und Dr. Daniel Miersch vom OTC in Mönchengladbach. Über mehrere Wochen habe ich dort das MITOVIT® Höhentraining absolviert, ein Intervall-Hypoxie-Training: Man liegt, atmet über eine Maske im Wechsel sauerstoffärmere und normale Luft und setzt dem Körper damit einen Höhenreiz, ohne ihn muskulär weiter zu belasten. Für mich war das der Versuch, neben dem harten spezifischen Training eine zweite Baustelle zu bearbeiten, ohne meine Regeneration noch stärker zu strapazieren. Was davon am Renntag tatsächlich angekommen ist, kann ich nicht sagen — dafür hätte ich Vorher-Nachher-Werte gebraucht, die ich nicht erhoben habe. Wertvoll war für mich vor allem, dass jemand mit sportmedizinischem Blick auf das Vorhaben geschaut hat und ich nicht allein entschieden habe, was ich mir mit vierzig zumute.

Sebastian Jurochnik beim MITOVIT Höhentraining im OTC in Mönchengladbach mit Atemmaske
Intervall-Hypoxie-Training im OTC in Mönchengladbach: Höhenreiz ohne zusätzliche muskuläre Belastung.

Und ich habe an allem gearbeitet, was man drumherum kontrollieren kann. Ernährung in den Tagen vor dem Wettkampf und am Wettkampftag selbst. Körpergewicht reduziert, weil jedes Kilo über einhundertdreißig Höhenmeter mitgetragen werden will. Vorher eine kardiologische Abklärung, weil man sich mit vierzig nicht ungeprüft in eine maximale Ausbelastung wirft. Täglich Videos der Strecke geschaut, die Belastung immer wieder im Kopf durchgespielt.

Ich war, in meinen Möglichkeiten, gut vorbereitet. Genau deshalb war das Aufgeben später so schwer einzuordnen.

Die ersten Meter – und der Punkt, an dem es kippt

Der Start ist schnell. Zu schnell, wie alle sagen, und trotzdem läuft man mit. Der Hang zieht sofort an, das Gelände richtet sich auf, und aus Laufen wird ein Steigen, aus Steigen ein Ziehen an Grasnarbe und Netz.

Startbereich am steilen Aufsprunghang der Bergiselschanze beim Red Bull 400
Der Startbereich am Bergisel. Nach wenigen Metern gibt es keine echte Erholung mehr.

Irgendwo zwischen einhundertfünfzig und zweihundert Metern kam der erste ehrliche Gedanke: Das wird noch ein sehr weiter und sehr brutaler Weg.

Was danach passierte, hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Nicht die Beine waren das Problem – auf die Oberschenkel hatte ich mich vorbereitet. Es war die Atmung. Meine Lunge brannte. Jeder einzelne Atemzug bereitete mir wahnsinnige Schmerzen im Brustkorb. Kein Stechen in der Seite, kein bekanntes Ziehen, sondern ein Schmerz, für den ich bis heute keinen guten Vergleich habe.

Nicht die Beine waren mein Problem. Es war die Atmung.

Warum ich abgebrochen habe

Kurz unterhalb des Schanzentisches habe ich aufgehört. Der letzte Abschnitt ist der steilste, das Ziel war in Sichtweite, und mir war klar: Wenn ich hier weitergehe, kollabiere ich möglicherweise auf den letzten Metern.

Ich habe aufgehört, obwohl ich fast oben war. Und ich würde es wieder tun.

Eine Medaille auf dem Schanzentisch hätte den Preis eines möglichen Kontrollverlusts nicht gerechtfertigt.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Grenze, an der es nur noch wehtut, und der Grenze, hinter der der Körper die Kontrolle verliert. Wer regelmäßig an seine Grenzen geht, muss lernen, diese beiden auseinanderzuhalten. Ich habe an diesem Tag gespürt, dass ich an der zweiten stand.

Sebastian Jurochnik erschöpft im Aufsprunghang der Bergiselschanze nach dem Abbruch beim Red Bull 400
Fast dreißig Minuten, bis ich mich wieder aufsetzen konnte.

Die Erholung hat entsprechend gedauert. Erst nach etwa achtundvierzig Stunden wurde das Rasseln beim Atmen weniger, nach zweiundsiebzig Stunden war das Atmen fast wieder schmerzfrei.

Ich habe es nicht abklären lassen. Die Symptome waren nach drei Tagen weg, und damit war das Thema für mich erledigt – was, ehrlich gesagt, kein guter Grund ist. Dass etwas von selbst verschwindet, sagt nichts darüber aus, was es war. Wenn mir heute ein Klient das Gleiche erzählt, rate ich zu einer Belastungsspirometrie. Vor einem zweiten Anlauf mache ich das selbst.

Sebastian Jurochnik nach dem Red Bull 400 erschöpft im Kofferraum eines Autos
Die Belastung war auch lange nach dem Abbruch noch deutlich spürbar.

Was mir wirklich gefehlt hat

Rückblickend war meine Vorbereitung nicht falsch. Sie war zu kurz und an einer Stelle zu einseitig.

Sieben Monate klingen nach viel. Für ein Rennen dieser Art sind sie es nicht. Ich habe in dieser Zeit vor allem spezifisch trainiert – steil, hart, kurz, intensiv. Was ich vernachlässigt habe, ist die Grundlagenausdauer. Genau die aber entscheidet darüber, wie gut Herz und Lunge eine mehrminütige maximale Ausbelastung wegstecken. Und Grundlage baut man nicht in Monaten auf, sondern über Jahre.

Und ja, das gilt auch für das Höhentraining: Ein Reiz auf zellulärer Ebene ersetzt keine Jahre Grundlagenarbeit. Genau die haben mir gefehlt.

Der Muskel war nicht mein Limit. Mein Limit war die Basis darunter.

Das spezifische Training war vorhanden. Die langjährig aufgebaute Grundlage für diese Ausbelastung war es nicht.

Was ich seitdem anders mache

Wenn heute jemand zu mir kommt, der auf ein Ziel dieser Art hinarbeitet – ein Extremrennen, einen Marathon, einen Radmarathon, einen Hindernislauf –, dann führe ich zuerst ein sehr unromantisches Gespräch über Zeit.

Mehr Vorlauf

Die Grundlage bekommt mehr Zeit, als sich im ersten Moment notwendig anfühlt.

Eventualitäten planen

Ernährung, Gewicht, ärztliche Abklärung, Anreise, Wetter und Ausrüstung gehören zum Plan.

Den Wettkampf mental kennen

Regelmäßige Visualisierung macht die Belastung nicht kleiner, aber weniger unbekannt.

Die Abbruchgrenze vorher klären

Nicht im Rennen entscheiden, wo Ehrgeiz endet und unnötiges Risiko beginnt.

Ich rate zu deutlich mehr Vorlauf, als sich die meisten vorstellen. Ich rate dazu, an die Eventualitäten zu denken, die nicht auf dem Trainingsplan stehen: Ernährung, Gewicht, ärztliche Abklärung, Anreise, Wetter, Ausrüstung. Ich rate dazu, sich mental regelmäßig mit dem Wettkampf zu beschäftigen, statt ihn zu verdrängen – bei mir waren es tägliche Videos und immer wieder dieselbe Visualisierung der Belastung. Und ich rate dazu, die Grundlage nicht zu überspringen, auch wenn sie sich langweilig anfühlt und im Trainingstagebuch nach nichts aussieht.

Vor allem aber rate ich dazu, vorher zu klären, wo die eigene Abbruchgrenze liegt. Nicht im Rennen. Vorher.

Ich habe an diesem Tag meinen Körper an die maximale Leistungsgrenze gebracht – so weit war ich, soweit ich mich erinnere, noch nie. Das ist keine schöne Erfahrung. Aber es ist eine, die ich seitdem in jeder Trainingsplanung nutze, die ich für andere schreibe.

Blick vom Schanzentisch hinunter auf Start und Auslauf beim Red Bull 400 in Innsbruck
Der Blick von oben. Der Schanzentisch steht noch.

Und ja: Der Schanzentisch steht noch.

Wenn Du selbst auf ein Ziel hinarbeitest, das Dir ein bisschen zu groß erscheint, und wissen willst, ob Deine Vorbereitung trägt: Sprich mich an. Ich plane lieber ein Jahr zu lang als drei Monate zu kurz.

Kontakt aufnehmen

Dieser Erfahrungsbericht beschreibt meine persönliche Belastungsreaktion und ersetzt keine medizinische Untersuchung. Vor einem erneuten Start lasse ich die damaligen Atembeschwerden belastungsmedizinisch abklären.


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