Aufstehen · Alltagsfähigkeit · Sitting-Rising-Test
Aufstehen vom Boden fällt schwer? Was dahintersteckt – und was Sie dagegen tun können

Sie setzen sich auf den Teppich zu Ihrem Enkel, und beim Aufstehen greifen Sie automatisch nach dem Sessel. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass Sie sich seit einer Weile lieber gar nicht mehr auf den Boden setzen. Das ist kein Zeichen von Alter im Sinne von Schicksal, sondern ein messbarer körperlicher Zustand – und ein veränderbarer.
Dieser Beitrag erklärt, was dahintersteckt, wie Sie es in zwei Minuten selbst überprüfen, was die aktuelle Studienlage dazu sagt, und was tatsächlich hilft.
Warum fällt das Aufstehen vom Boden mit den Jahren schwerer?
Plausibel Weil diese eine Bewegung vier Fähigkeiten gleichzeitig verlangt, die unabhängig voneinander nachlassen können. Sie brauchen Kraft in den Beinen, um Ihr eigenes Gewicht aus der tiefen Position hochzudrücken. Sie brauchen Beweglichkeit in Hüfte, Knie und Sprunggelenk, um überhaupt in eine Position zu kommen, aus der das Hochdrücken funktioniert. Sie brauchen ein zuverlässiges Gleichgewicht für den Moment, in dem der Schwerpunkt über die Füße wandert. Und Sie brauchen ein Körpergewicht, das Ihre Muskulatur tragen kann.
Fällt nur eine dieser vier Säulen weg, wird das Aufstehen mühsam. Das erklärt, warum es sportliche Menschen mit steifen Hüften genauso trifft wie sehr bewegliche Menschen mit wenig Beinkraft. Und es erklärt, warum ein allgemeiner Rat wie „mehr Bewegung“ hier selten reicht: Sie müssen wissen, welche der vier Säulen bei Ihnen nachgegeben hat.

Testen Sie es selbst: der Sitting-Rising-Test
Gut belegt Für genau diese Frage gibt es einen einfachen Test. Der brasilianische Sportmediziner Claudio Gil Araújo hat ihn 1999 eingeführt: Sie setzen sich aus dem Stand auf den Boden und stehen wieder auf, mit so wenig Unterstützung wie möglich. Kein Gerät, keine zwei Minuten, etwa zwei Quadratmeter freie Fläche.
Die Bewertung ist schnell erklärt. Sie starten mit fünf Punkten für das Hinsetzen und fünf für das Aufstehen, insgesamt also zehn. Für jede Unterstützung wird ein Punkt abgezogen: eine Hand, ein Unterarm, ein Knie, die Seite des Beins. Wenn Sie eine Hand auf dem eigenen Oberschenkel abstützen, zählt das ebenfalls als Stütze. Sichtbares Wackeln, weil das Gleichgewicht kurz verlorengeht, kostet einen halben Punkt. Wer sich am Tisch oder an einer anderen Person festhalten muss, bekommt für diesen Teil null Punkte.
Zehn Punkte bedeutet also: hinsetzen und aufstehen, frei, ruhig, ohne Abstützen. Ein Ergebnis von acht – typischerweise eine Hand oder ein Knie – ist bei Menschen mittleren Alters der häufigste Wert und kein Alarmsignal.

Was sagt ein niedriges Ergebnis aus?
Gut belegt Mehr, als man einer so einfachen Bewegung zutrauen würde. Die Arbeitsgruppe um Araújo hat 4.282 Erwachsene zwischen 46 und 75 Jahren getestet und im Schnitt rund zwölf Jahre lang begleitet; veröffentlicht wurde die Auswertung 2025 im European Journal of Preventive Cardiology. In diesem Zeitraum starben 665 Teilnehmer an natürlichen Ursachen.
Der Zusammenhang war deutlich und stufenweise: In der Gruppe mit zehn Punkten starben 3,7 Prozent, in der Gruppe mit vier oder weniger Punkten 42,1 Prozent. Auch nachdem Alter, Geschlecht, Körpergewicht sowie bestehende Herz-, Blutdruck-, Fettstoffwechsel- und Diabeteserkrankungen herausgerechnet wurden, blieb ein erhöhtes Risiko bestehen. Am eindrücklichsten war der reine Aufsteh-Anteil: Von den Teilnehmern, die es allein gar nicht vom Boden hoch schafften, starb im Beobachtungszeitraum knapp die Hälfte. Bei denen, die frei und sicher aufstanden, waren es 4,4 Prozent.

Was dieser Test nicht beweist
Hier trennt sich seriöse Einordnung von der Schlagzeile, und ich sage Ihnen die unbequeme Version.
Gut belegt Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Ein schlechtes Testergebnis ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Grund für eine schlechtere Gesundheit, sondern ihr sichtbarer Ausdruck. Wer aus Kraftverlust, Gelenkproblemen oder einer Herzerkrankung heraus schlecht abschneidet, hatte das Problem vorher.
Vor allem aber ist nicht belegt, dass ein antrainiertes besseres Testergebnis das Sterberisiko senkt. Die Studienautoren führen genau diese Frage selbst als offen und ungeklärt auf. Wer Ihnen erzählt, Sie müssten nur Ihren Punktwert hochtrainieren, um länger zu leben, geht über die Datenlage hinaus.
Und die Teilnehmer waren keine repräsentative Bevölkerungsstichprobe: Freiwillige einer Privatklinik in Rio de Janeiro, überwiegend Männer, überwiegend aus einer gehobenen sozialen Schicht, die von sich aus zur Untersuchung kamen. Menschen mit akuten Beschwerden am Bewegungsapparat wurden gar nicht erst eingeschlossen.

Für wen dieser Selbsttest nicht geeignet ist
Bitte probieren Sie den Test nicht auf eigene Faust aus, wenn Sie in den letzten Monaten gestürzt sind, unter Schwindel leiden, ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk haben, unter akuten Knie-, Hüft- oder Rückenschmerzen stehen oder sich beim Aufstehen unsicher fühlen. Genau die Menschen, die im Test schlecht abschneiden würden, haben beim Testen selbst das höchste Sturzrisiko. Wenn Sie es dennoch ausprobieren möchten: weiche Unterlage, freie Fläche, und eine zweite Person in Reichweite.
Was hilft, wenn das Aufstehen schwerfällt?
Plausibel Zuerst eine ehrliche Bestandsaufnahme, welche der vier Säulen bei Ihnen nachgegeben hat. Ohne diese Zuordnung trainieren Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Falsche – Kraftübungen bringen wenig, wenn das eigentliche Hindernis eine steife Hüfte ist, und Dehnen bringt wenig, wenn die Beinkraft fehlt.
Klinische Einordnung In meiner Arbeit gehe ich deshalb zweistufig vor. Zuerst schaffe ich mit der Behandlung eine körperliche Basis, auf der Belastung überhaupt sinnvoll ist. Erst danach folgt das Training, das die gewonnene Beweglichkeit in belastbare Kraft und Kontrolle übersetzt. Ein Testergebnis allein ist dabei ein Ausgangspunkt, kein Programm. Wie lange das dauert, sage ich Ihnen bewusst nicht im Voraus – dafür fließen zu viele Faktoren ein, und eine Zahl, die ich beim ersten Termin nenne, wäre geraten.

Warum Abwarten hier teurer wird
Plausibel Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht gehen nicht über Nacht verloren, sondern über Jahre, in kleinen Schritten, die einzeln nie dramatisch genug wirken, um etwas zu unternehmen. Vom Boden allein aufstehen zu können ist eine Grundfähigkeit für Selbstständigkeit. Wer sie verliert, verliert oft zuerst etwas ganz anderes: die Bereitschaft, sich überhaupt noch auf den Boden zu setzen. Mit den Enkeln spielen, im Garten arbeiten, etwas unter dem Sofa hervorholen – das verschwindet leise aus dem Leben, lange bevor jemand es Einschränkung nennt.
Jedes Jahr, in dem Sie das Hinsetzen und Aufstehen vermeiden, macht es beim nächsten Mal ein Stück schwerer. Der Aufwand, diese Fähigkeit zurückzuholen, wächst mit jedem Jahr, in dem man sie nicht nutzt – während der Aufwand, sie zu erhalten, überschaubar bleibt.

Physiotherapie und Training in Mönchengladbach
Klinische Einordnung Wenn Sie beim Lesen gemerkt haben, dass Sie das Aufstehen vom Boden seit Jahren umgehen, ist das der eigentliche Befund – unabhängig von jeder Punktzahl. Dann lohnt sich eine Bestandsaufnahme mit jemandem, der sich Ihre Beweglichkeit, Ihre Kraft und Ihr Gleichgewicht tatsächlich ansieht, statt Ihnen eine Übungsliste zu geben.
Ich sage Ihnen aber auch, für wen das nichts ist. Wenn Sie eine schnelle Bestätigung suchen, dass ohnehin alles in Ordnung ist, oder eine Behandlung erwarten, bei der Sie selbst nichts tun müssen, sind Sie bei mir falsch. Meine Arbeit setzt voraus, dass Sie zwischen den Terminen mitarbeiten wollen.
Wenn Sie das anders sehen: Meine Privatpraxis liegt in der Rudolfstraße 10C in Mönchengladbach-Waldhausen, kostenlose Parkplätze gibt es direkt vor der Tür. Wenn Sie zeitlich flexibel sind, finden wir in der Regel innerhalb von zwei Wochen einen Termin. Schreiben Sie mir einfach über das Kontaktformular, was Sie beschäftigt.
Häufige Fragen
Warum kann ich nicht mehr ohne Hände vom Boden aufstehen?
Weil mindestens eine der vier beteiligten Fähigkeiten nachgelassen hat: Beinkraft, Beweglichkeit in Hüfte, Knie und Sprunggelenk, Gleichgewicht oder das Verhältnis von Körpergewicht zu Muskelkraft. Welche es ist, lässt sich nur durch Ausprobieren oder eine Untersuchung herausfinden.
Ist es normal, dass das Aufstehen vom Boden ab 50 schwerer wird?
Häufig ja, zwangsläufig nein. Der Rückgang von Kraft und Beweglichkeit ab der Lebensmitte ist der Normalfall, aber kein Naturgesetz – er hängt stark davon ab, ob die entsprechenden Fähigkeiten weiter genutzt werden.
Was ist ein guter Wert beim Sitting-Rising-Test?
Zehn von zehn Punkten bedeutet, dass Sie sich frei und ohne Wackeln hinsetzen und wieder aufstehen. Der häufigste Wert bei Erwachsenen mittleren Alters liegt bei acht Punkten, also mit einer einzigen Stütze. Für Alter und Geschlecht gibt es veröffentlichte Referenzwerte; aussagekräftiger als ein einzelner Wert ist ohnehin die Veränderung über die Zeit.
Kann man das Aufstehen vom Boden wieder trainieren?
Ja. Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht lassen sich in jedem Alter verbessern, und damit auch das Testergebnis. Ob ein verbesserter Punktwert tatsächlich die Lebenserwartung erhöht, ist wissenschaftlich bislang nicht geklärt.
Ab welchem Alter ist der Test sinnvoll?
Die Studiendaten stammen von Menschen zwischen 46 und 75 Jahren. Als Orientierung für die eigene Alltagsfähigkeit ist die Bewegung in jedem Erwachsenenalter aufschlussreich.
Ist ein schlechtes Ergebnis ein Grund zur Sorge?
Nicht im Sinne einer Diagnose. Ein niedriger Wert sagt nichts über eine konkrete Erkrankung aus. Er zeigt, dass Kraft, Beweglichkeit oder Gleichgewicht nachgelassen haben – und genau das ist veränderbar.
Ersetzt der Test eine ärztliche Untersuchung?
Nein. Er ist ein orientierender Bewegungstest, kein diagnostisches Verfahren. Bei Beschwerden, Schwindel oder nach einem Sturz gehört die Abklärung in ärztliche Hände.
Quelle: Araújo CGS et al., Sitting–rising test scores predict natural and cardiovascular causes of deaths in middle-aged and older men and women. European Journal of Preventive Cardiology, 2025.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Ich verfüge über keine sektorale Heilpraktikererlaubnis und übe keine Heilkunde aus. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
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